„Eine Hommage an die Beweglichkeit“

Samuel Koch bei der Landesbühne Niedersachsen Nord

Zwei Männer – der eine mit Klebeband an den anderen gebunden – sitzen auf einem Stapel Autoreifen. Ihre Bewegungen erinnern an die eines Tiers. Sie stützen sich auf ihre Fingerknöchel ab, schlagen sich auf die Brust, bewegen ihren gesamten Körper mit der Atmung mit. Das Tier, welches sie darstellen, ist ein Affe, der deklariert: „Ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt.“ 

Das Stück „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka lässt einen Affen erzählen, wie er bei einer Jagdexpedition gefangen genommen wird und einen Ausweg darin findet, zum Menschen zu werden. Durch das Beobachten und Aneignen menschlicher Eigenschaften erlangt er schließlich die „Durchschnittsbildung eines Europäers“, wie er der Akademie berichtet.

Robert Lang und Samuel Koch, die gemeinsam den Affen verkörpern, bewegen sich durchgehend auf der Bühne hin und her, hüpfen, geraten in Rage und müssen sich in einem Moment gerade noch zügeln, um nicht einen Autoreifen ins Publikum zu werfen. Das Besondere daran? Für Samuel Koch wäre dies eigentlich nicht möglich. Seit seinem Unfall bei der Fernsehshow „Wetten, dass..?“ im Dezember 2010 ist er vom Hals abwärts gelähmt.

Die Klebeband-Konstruktion, die ihn beim Spiel mit seinem Schaupielkollegen Lang verbindet, ermöglicht es ihm, zu stehen und sich zu bewegen. Er selbst bezeichnet dieses Gefühl als herrlich: „Nicht nur, weil es mir Beweglichkeit leiht. Auch aus künstlerischer und therapeutischer Sicht ist das eine wirklich sinnvolle Methode und eine Hommage an die Bewegung.“

Mit dem Rollstuhl steht Koch nur selten auf der Bühne. In inzwischen 15 Stücken hat er bereits mitgewirkt. „Mal sitze ich auf einem Pferd, hänge von der Decke, liege in einem Glassarg“, zählt der Schauspieler auf. Gerade diese Beispiele zeigen: Kunst ist nicht an die Unversehrtheit eines Körpers gebunden.

Überhaupt scheint es nicht so, dass Koch sich in irgendwas von seiner Behinderung aufhalten ließe. Zwei Bücher hat er seit seinem schwerwiegenden Unfall veröffentlicht. Und selbst seinen Hochzeitswalzer ließ er sich nicht entgehen. Eine von ihm selbst konstruierte Drahtseilinstallation ermöglichte es Samuel Koch, mit seiner Frau übers Parkett zu schweben.

Im Moment arbeitet er an der Gründung der Samuel-Koch-Stiftung, die Betroffene, die ähnliches erlitten haben, unterstützen soll. Mehr Informationen hierzu gibt es auf www.samuel-koch.com.

Gemeinsam stehen Robert Lang und Samuel Koch derzeit im Staatstheater Darmstadt auf der Bühne. Dort kann man sie in Goethes Tragödie „Faust“ bestaunen. Termine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 

Autor: Pegah Meggendorfer
Titelbild von Erich Malter und Georg Pöhlein

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